Heizung/Energie | Unternehmen & Markt | 12.02.2016

Interview zum Sanierungsstau im Heizungsmarkt

Impulse und Lösungsansätze

An „allen Fronten“ kämpfen Gesetzgeber, Fachhandwerk, Hersteller, Versorger und Fachplaner für die Auflösung des Sanierungsstaus im Heiztechnikmarkt. Die Methoden und Mittel sind dabei höchst unterschiedlich, haben aber das Potential an möglichst vielen Stellen die unterschiedlichen Nutzer erreichen zu können. Die SHK Profi Redaktion interviewte Christian Sieg, Leiter Produkt- und Dienstleistungsmanagement, sowie Oliver Gremm, Leiter Produktvermarktung, von Vaillant Deutschland zu aktuellen Tendenzen am Markt und ihrer Einschätzung der weiteren Entwicklung.

  • „Wir führen derzeit breite Entwicklungsprogramme durch, um dem Markt in schnellen Zeitabständen hoch spezifizierte und effiziente Lösungen zu bieten“, erklärt Christian Sieg.

  • „Alle Marktbeteiligten haben ein äußerst heterogenes Bündel an Maßnahmen und Aktivitäten initiiert, um den Modernisierungsstau aufzulösen“, so Christian Sieg, Leiter Produkt- und Dienstleistungsmanagement, Vaillant.

  • v.l.n.r.: „Wir wünschen uns dauerhaft stabile Förderbedingungen. Wenn durch ein Förderprogramm Sonderkonjunkturen gefahren werden und der Markt dann wieder ausgebremst wird, ist das nicht hilfreich“, so Oliver Gremm, Leiter Produktvermarktung, Vaillant.

  • Laut Marktuntersuchungen neutraler Institute werden durch das Bestandslabeling künftig rund 140.000 Heizanlagen zusätzlich getauscht.

SHK Profi: Herr Sieg, wie schätzen Sie die Situation um den Sanierungsstau am deutschen Heiztechnikmarkt ein?

Sieg: Die Notwendigkeit zur Auflösung des Sanierungsstaus im Heiztechnikmarkt besteht seit etlichen Jahren, denn für die Ziele der Bundesregierung, bis zum Jahr 2020 rund 20 % CO2 einzusparen und die energetische Effizienz um 20 % zu erhöhen, bietet gerade der Heizkeller den größten Hebel. Immerhin werden rund 41 % der in Deutschland benötigten Energie in Haushalten verbraucht. Davon werden wiederum ca. 90 % für die Wärme- und Warmwasserversorgung eingesetzt. Wenn jetzt noch die Information „on top“ kommt, dass mehr als 70 % aller Heizanlagen in Deutschland als ineffizient gelten, lässt sich eine einfache Rechnung aufmachen, wie dem Klimawandel schnell und zielgerichtet begegnet werden kann. Eine der wichtigsten Hemmschwellen dabei ist die Tatsache, dass sich die Nutzer in der Regel erst dann um ihre Heizanlage kümmern, wenn sie defekt ist und das obwohl bereits lange vorher ökonomische und ökologische Gründe für die Auseinandersetzung mit eben dieser Thematik sprechen. Wir müssen also erst einmal zur Modernisierung bewegen.

Das haben alle Marktbeteiligten erkannt und es ist mittlerweile ein äußerst heterogenes Bündel an Maßnahmen und Aktivitäten initiiert worden. Diese sollen dem Haus- und Wohnungseigentümer sowohl Anreize zum Wärmeerzeugerwechsel bieten als ihm auch einen klaren Rahmen an gesetzlichen Grundlagen in punkto Effizienz nennen. Hier sehe ich in erster Linie die Ökodesign-Richtlinie und das kommende Labeling für Heizanlagen im Bestand.

SHK Profi: Sind Ökodesign-Richtlinie und das kommende Bestandslabeling denn aus Ihrer Sicht Erfolg versprechende Maßnahmen zur Auflösung des Sanierungsstaus?

Sieg: Ja – ich denke, dass dies in jedem Fall so ist. Durch die Ökodesign-Richtlinie wird das Thema Heizung deutlich mehr Aufmerksamkeit bei den Haus- und Wohnungseigentümern bekommen. Und viel mehr als genau diese Aufmerksamkeit zu wecken, ist nach mehreren aktuellen Untersuchungen übereinstimmend gar nicht erforderlich. Verordnungen haben hier naturgemäß beim Endkunden ein größeres Gewicht als die Information durch Hersteller. Wird dann das Augenmerk auf die Ineffizienz der Anlage gelenkt, ist die Neigung zur Modernisierung außerordentlich hoch.

Deswegen ist aus unserer Sicht auch das Labeling von Wärmeerzeugern im Bestand fast eine noch wichtigere Maßnahme als die Ökodesign-Richtlinie. Nach den gerade angesprochenen Markterhebungen neutraler Institute entsteht alleine hierdurch ein jährlicher zusätzlicher Austausch von rund 140.000 Heizanlagen. Wohlgemerkt nur dadurch, dass die Effizienz der Heizanlage mit einem Label bewertet wird – ohne, dass dies irgendwelche rechtlichen Konsequenzen oder Fristen nach sich zieht. Deswegen werden wir – auf der Basis der uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten – das Bestandslabeling in jeder Form unterstützen und auch unseren Kundendienst dafür entsprechend vorbereiten, wenn dies von den verantwortlichen Gremien und dem Heizungsbetreiber erlaubt wird.

SHK Profi: Ist das in 2015 neu aufgelegte Marktanreizprogramm da nicht mittlerweile weniger interessant für Sie?

Gremm: Nein – natürlich ist auch das MAP eine sinnvolle Maßnahme, die wir sehr begrüßen. Es handelt sich hierbei schließlich um eines der umfassendsten Förderprogramme, das jemals zur Verfügung stand. Im Gegensatz zu früher ist es aber ein Baustein unter vielen, mit denen der Sanierungsstau aufgelöst werden soll. Und gerade in punkto Fördermodelle des Bundes ist es in den letzten zehn Jahren immer wieder zu einer Berg- und Talfahrt gekommen, die stellenweise sogar kontraproduktiv war. Gerade hier wünschen wir uns dauerhaft Konstanz und stabile Förderbedingungen – egal in welcher Ausprägung und Intensität. Wenn durch ein massives Förderprogramm Sonderkonjunkturen gefahren und ein Markt nur kurz angeschoben wird, um danach wieder ausgebremst zu werden, ist das nicht hilfreich.

SHK Profi: Aber gerade Produkte auf der Basis erneuerbarer Energieträger wie Solarthermie und Wärmepumpen haben sich doch trotz MAP in 2015 laut verfügbarer Marktdaten nicht erholt?

Gremm: Das ist richtig, hat aber mehrere nachvollziehbare Gründe. Zum einen hat das mit der Ökodesign-Richtlinie zu tun. Das Fachhandwerk ist nach unseren Informationen derzeit massiv damit beschäftigt Heiz- gegen Brennwerttechnik zu tauschen und damit sehr gut ausgelastet. Zum anderen spielen hier auch die historisch erstaunlich geringen Energiepreise für Öl hinein. Derzeit sind Öltanks mit 30 % im Plus. Wer hätte damit noch vor einem Jahr gerechnet? Das klassische Austauschgeschäft sowohl bei Gas- als auch Öl-Brennwerttechnik – und das spüren wir derzeit ganz besonders – ist außerordentlich lebhaft. Wir liegen hier deutlich über dem Plan. Wenn Öl- und Gaspreise wieder ein angemessenes Niveau erreichen, wird das MAP in jedem Fall seine Kraft auch auf Solarthermie, Wärmepumpen etc. ausdehnen können.

SHK Profi: Welche Reaktionen konnten Sie nach dem Stichtag 28. September 2015 angesichts der endgültigen Umsetzung von LOT 1 der Ökodesign-Richtlinie spüren?

Gremm: Auswirkungen haben wir bereits schon lange vor dem eigentlichen Inkrafttreten spüren können. Spätestens zur ISH als an allen Messeständen der Heiztechnik-Hersteller die Energieeffizienzlabel zu sehen waren, drehte sich alles um die praktischen Fragen zur Ökodesign-Richtlinie. Alles in allem war und ist die Unsicherheit sehr groß. Es gibt noch viele offene Fragen, die in der Tat nicht durch das bestehende Gesetzwerk abgedeckt werden. Dafür ist diese Branche auch extrem vielfältig. Klar ist, dass sich die Aufgaben des Fachhandwerks weiter in Richtung Beratung verschieben und jetzt noch mehr Informationen transportiert werden müssen. Hierfür haben wir neue Trainings konzipiert, die unseren Fachhandwerkspartnern helfen, hier noch sicherer in der Beratung unterwegs zu sein.

Wir sehen auch eine deutlich höhere Nutzung unserer Angebote „preislisteONLINE“ und „planSOFT“. Mit beiden lassen sich die Energieeffizienzlabel – teils auch systemoffen zu anderen Herstellern – berechnen. Gleichzeitig haben wir das Thema Ökodesign-Richtlinie in jedes unserer Trainings integriert. Bei unserem Vertriebsteam landet ebenso wie an unseren Hotlines ein breites Spektrum an Fragen rund um das Tagesgeschäft mit der Ökodesign-Richtlinie. Das resultiert auch daraus, dass die Endkunden aktuell in zahlreichen Publikationen über das Thema informiert werden. Dadurch kommt die eigene Wärmeerzeugung wieder in die Köpfe und wird diskutiert – das ist genau der Punkt, an dem wir alle aktiv werden müssen.

SHK Profi: Welche Aktivitäten haben Sie als Hersteller unternommen, um den Sanierungsstau aufzulösen?

Sieg: Sie sprechen ein sehr breites Bündel an Maßnahmen an, welches den hier gegebenen Rahmen sprengen würde. Wichtigste Erkenntnis ist, dass in dem Umfeld zunehmender Informationsfülle, gerade auch das Thema Sanierungsstau nur über Informationsvermittlung zu lösen ist. Hier besteht für alle in dieser Branche die Herausforderung, auch diese Information zu transportieren. Vaillant nutzt zahlreiche Kommunikationskanäle, um hier den notwendigen Beitrag zu leisten. Neben den Maßnahmen für und mit unserem Fachhandwerk bieten wir auch verschiedenste Ansätze, den Endkunden für das Thema der effizienten Wärmeerzeugung zu interessieren. Herauszuheben sind neben den reinen Kommunikationsmedien des Marketing-Mixes, wie Internet und Printmedien, unsere modernen Kundenforen. Mit diesen sind wir aus den typischen Gewerbe-Standorten und der konventionellen Gestaltung von Vertriebs-Niederlassungen herausgegangen. Wir haben ein Netz von 21 modernen Kundenforen in Deutschland aufgebaut, mit denen wir uns in erster Linie gemeinsam mit unseren Fachhandwerkspartnern an die Endkunden richten, wo wir im Rahmen einer umfassenden Ausstellung professionell beraten. Gerne nutzen wir diese Räumlichkeiten auch als Plattform für die Vermarktung unserer Produkte, wie zuletzt bei den Beratungs-Vorteilswochen, wo wir insbesondere die neuen „Green iQ“ Produkte für den Marktstart platziert haben.

SHK Profi: Sie stellen hier also bewusst Ihre Produktlinie „Green iQ“ heraus. Wie sind die noch sehr neuen „Green iQ“ Produkte denn bislang vom Markt angenommen worden?

Gremm: Bei unserer „Green iQ“ Produkt­reihe handelt es sich um die nachhaltigsten und intelligentesten Geräte, die in den jeweiligen Marktsegmenten verfügbar sind. Es sind besonders effiziente Geräte, die über den ganzen Produktlebenszyklus – vom ersten Entwicklungsschritt bis hin zur Entsorgung am Ende – höchsten Nachhaltigkeits- und Effizienzkriterien standhalten müssen. Wir verstehen uns damit als wichtiger Impulsgeber für eine „grüne Zukunft“. Diese Botschaften sind bei unserer ersten Präsentation der Produktreihe auf der ISH und in zahlreichen Messe-Nachveranstaltungen sehr gut angekommen, weil wir eine extrem hohe Nachfrage nach den ersten Produkten aus der Gas-Brennwerttechnik und den Wärmepumpen haben. Teilweise liegen wir hier weit über den Planzahlen.

Mit der „Green iQ“ Serie wollen wir uns ganz bewusst von anderen Serien absetzen. Auch das ist ein Aspekt, um den Sanierungsstau aufzulösen: „Green iQ“ Produkte sind so eigenständig wie eben möglich und gewünscht in der Nutzung. Sie unterstützen die Installation mit zahlreichen Features, die dem Fachhandwerker die Arbeit nochmals deutlich erleichtern.

SHK Profi: Wird der Markt durch immer mehr Produkte für den Fachhandwerker und den Endkunden nicht fortwährend komplexer und unübersichtlicher?

Sieg: Ich bin überzeugt, dass die Informationsvielfalt, wie in anderen Bereichen auch, stetig zunehmen wird. Produktseitig wird der Heizungsmarkt immer weitere spezialisierte Lösungen schaffen, die dem informierten Fachhandwerker zum einen die Arbeit vor Ort einfacher machen. Warum? Weil er sehr genau differenzieren und dann auf ein perfekt für das individuelle Bauobjekt abgestimmtes Produkt zurückgreifen kann. Diese differenzierteren Produkte sorgen dafür, dass für alle Wünsche und Belange des Kunden bzw. des jeweiligen Gebäudes und das unter Berücksichtigung der zu erfüllenden Rahmenbedingungen eine entsprechende Lösung verfügbar ist. Wir führen derzeit breite Entwicklungsprogramme durch, um dem Markt genau solche Lösungen in schnellen Zeitabständen bieten zu können. Gerade in punkto der Wärmepumpen-Technologie werden wir dabei nach der Einführung unseres „flexoTherm“ Programmes weitere Neuentwicklungen marktreif machen, die interessante Perspektiven versprechen. Dazu werden wir permanent an der Weiterentwicklung unseres breiten Schulungsangebotes für unsere Marktpartner arbeiten und somit die notwendige Basis für den Erfolg von Produktinnovationen schaffen.

SHK Profi: Herr Sieg, Herr Gremm – vielen Dank für das Gespräch.

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    Bildquelle: Reinhard Feldrapp/vor-ort-foto.de

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