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Betrieb | Betriebsführung | 20.02.2018

Stand der Digitalisierung bei SHK-Betrieben

Der lange Weg ins 21. Jahrhundert

Das Projekt „HAND“ zeigt am Beispiel von SHK-Betrieben den aktuellen Stand der Digitalisierung im Handwerk, offenbart Potentiale sowie konkret umsetzbare Maßnahmen zur Umstellung und gibt Input für zukünftige Ausbildungsinhalte.

  • Selbst- und Fremdeinschätzung zum Digitalisierungsstand eines SHK-Betriebes (Beispiel)

  • Priorisierung der Maßnahmen im Koordinatensystem (die Kürzel stehen für einzelne Maßnahmen)

  • Kategorisierung der Einzelmaßnahmen im „Haus der digitalen Transformation“

Digitalisierung ist auch für klein- und mittelständische Unternehmen (KMU) ein Muss, um in Zukunft am Markt zu bestehen. Das betrifft alle Branchen; aber gerade im Handwerk sind die Chancen für den einzelnen Betrieb auf unmittelbare Wettbewerbsvorteile sehr hoch ‒ wenn sie schnell geeignete Schritte unternehmen. Noch lässt sich mit günstigen Umstellungen ein großer Nutzen erzielen. Zudem schreitet die Industrie mit großen Schritten voran. Das birgt die Gefahr, dass der einzelne Handwerksbetrieb auf der Strecke bleibt; eröffnet auf der anderen Seite aber große Möglichkeiten für neue Geschäftsfelder. Ein Beispiel aus dem SHK-Bereich: Aktuell installierte Heizungssysteme sind allesamt onlinefähig und können z.B. Fehler oder Verschleiß selbstständig melden. Aber an wen geht die Schadensmeldung und wer kriegt den Auftrag zur Reparatur? Die Hersteller können das nutzen, ein Servicenetz aufbauen und Handwerksbetriebe ausstechen. SHK-Betrieben eröffnet sich aber die große Chance, sich als Service orientierter Fachbetrieb zu profilieren und pro aktiv, vielleicht noch vor dem Schaden, auf den Eigentümer zuzugehen. Denn was kann sich der Kunde mehr wünschen, als im Vorfeld über einen defekten Brenner informiert zu werden, statt hinterher im kalten Zimmer zu sitzen und auf die Reparatur zu warten? Digitalisierung greift in die komplette Wertschöpfungskette ein und bestimmt weitreichend alle Markt- und Geschäftsprozesse. Neben Marketing und Kommunikation geht es auch um interne Prozesse wie den Work-Flow, also den Ablauf eines kompletten Projektes, und die Zusammenarbeit mit anderen Betrieben sowie der Industrie, z.B. bei der Disposition von Material und Ersatzteilen. Eine Anpassung der Arbeitsweise und -inhalte an neue digitale Techniken ist für das Handwerk also unumgänglich.
Bisher ist jedoch nicht bekannt, wie weit die Digitalisierung in den Betrieben schon angekommen ist; und in der Ausbildung spielt das Thema bisher kaum eine Rolle. Vor diesem Hintergrund hat die Handwerkskammer Osnabrück zusammen mit dem Berufsbildungs- und TechnologieZentrum (BTZ) Osnabrück als Projektträger das Projekt „HAND“ initiiert und die Unternehmensberater von Solvie und Kollegen (www.solvie-kollegen.de) mit der Durchführung von betriebsbezogenen Potentialanalysen beauftragt. Zielsetzung war, den aktuellen Status sowie zukünftig in den Handwerksbetrieben benötigte Kompetenzen zu ermitteln und mit Hilfe dieser Analyse Empfehlungen zu zukünftigen Ausbildungsinhalten für das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) zu erarbeiten.

Stand und Potentiale der Digitalisierung

Solvie und Kollegen ermittelte für acht teilnehmende SHK-Betriebe unterschiedlicher Größe und Ausrichtung den Digitalisierungsstatus sowie die spezifischen Potentiale. Dazu gaben die einzelnen Betriebe zunächst eine Selbsteinschätzung über ihren Digitalisierungsstand in zwölf Bereichen ab (z.B. „Marketing und Vertrieb“, „Führungskompetenzen“, „Personalwesen“, „Innovation“, „Nutzung von Daten“). Ergänzend erstellten die Berater eine Fremdeinschätzung und führten vor Ort im Betrieb einen Workshop durch, in dem durch Interviews der „digitale Reifegrad“ des Unternehmens in allen zwölf Bereichen ermittelt wurde. Hierfür erfolgte eine individuelle Analyse des Geschäftsmodells auf Basis des „Business Model Canvas“, bei dem alle relevanten Größen wie Zielgruppe, Marktsegment, Alleinstellungsmerkmal übersichtlich in einem Schaubild illustriert werden, um ein auch zukünftig tragfähiges Geschäftsmodell und Maßnahmen zur Verwirklichung zu erarbeiten. Hierdurch konnten die Berater betriebsspezifische Potentiale aufzeigen und gemeinsam mit der Geschäftsführung die Optimierungsmaßnahmen nach Nutzen und Kosten priorisieren.

Maßnahmen: wenig kosten & viel bringen

Zur Veranschaulichung ordnete Solvie und Kollegen Kosten und Nutzen in ein Koordinatensystem ein. So verriet der erste Blick, welche Maßnahme wenig kostet, aber einen hohen Nutzen bietet, um diese in der nahen Zukunft umzusetzen (Priorität 1) und welche bei hohen Kosten nur niedrigen Nutzen versprechen (Priorität 4). Zum Beispiel nutzte ein Betrieb schon eine Handwerkssoftware für einige Bereiche, die Zeiterfassung des Personals erfolgte jedoch noch auf Papier. Die Digitalisierung der Zeiterfassung und -verarbeitung durch diese Software bringt einen hohen Nutzen bei nahezu Null Kosten.

Blick von außen

Es gibt nicht den einen Königsweg zur Digitalisierung, schon allein, weil es kein festgelegtes Ziel „Digitalisiertes Unternehmen“ gibt. Jeder Betrieb muss sich zunächst über sein Kerngeschäft im Klaren sein, bevor eine passende Strategie aufgestellt wird. Gerade hier ist der Blick von außen hilfreich, von einer unabhängigen Person wie einem qualifizierten Unternehmensberater. Generell ist es zielführender, eine individuelle und umfassende Strategie auszuarbeiten, aus der heraus die Maßnahmen sinnvoll priorisiert werden, statt einzelne Ad hoc- Maßnahmen umzusetzen. Zum Beispiel nützt ein Smartphone oder Tablet nur dann wirklich etwas, wenn es mit der im Unternehmen genutzten Software kompatibel ist und ohne großen Aufwand eingebunden werden kann. Zusammenfassend profitierten die teilnehmenden Betriebe durch eine Analyse ihres Digitalisierungsstandes, Feedback zur Aufstellung des Unternehmens zum eigenen Kerngeschäft und Auflistung konkreter Maßnahmen. Für die Branche ergaben sich durch die Studie ein Überblick über Herausforderungen und Potentiale sowie wichtige Erkenntnisse zur Ausbildung. Der Innovationsgrad, die Nachhaltigkeit sowie der große Anteil der Berater am Projektergebnis überzeugte auch die Hamburger Handelskammer und den Hamburger Consulting Club, die Solvie und Kollegen mit dem 1. Preis des Hamburger Consulting Preises 2017 auszeichneten.

Digitalisierung in der Ausbildung

Die HWK Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim sowie das Berufsbildungs- und TechnologieZentrum (BTZ) Osnabrück als Projektträger initiierten im Auftrag des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) das Projekt „HWK Hand - Statusfeststellung und Potentialermittlung zu Digitalisierungsaspekten im Handwerk“, um zu klären, wie die Digitalisierung in die Ausbildung im Handwerk integriert werden kann. Eine wichtige Erkenntnis war, die Ausbildungsinhalte nicht in einem separaten Block zu lehren sondern mittelbar in allen anderen Ausbildungsblöcken. Zum Beispiel durch Nutzung der Digitalisierung über ein komplettes Projekt hinweg: Von der Anfrage, über Angebotserstellung mit allen Aufmaßen und Materialien etc., über die Material-Disposition, Einrichtung der Werkstätte bis hin zur Durchführung vor Ort mit Dokumentation in Wort, Bild und ggf. Video sowie Koordinierung mit anderen Gewerken.

Ein weiterer Ansatz ist der richtige Einsatz von Lernsoftware, aber auch nützliche Software selbst zu lehren. Zum Beispiel die Planung einer Heizungsanlage mit digitalen Zeichnungen, statt klassisch auf Papier.

Auch die Arbeitswelt im SHK verändert sich, da mit zunehmender Vernetzung die Digitalisierung in alle Lebensbereiche eingreift. Das viel zitierte „Smarte Haus“ steckt voller Techniken, deren Einbau und Wartung gelehrt werden müssen. Leider gibt es hierzu noch keine feststehenden Standards, was dazu führt, dass für jeden Hersteller unterschiedliche Techniken gelernt werden müssen. Aber hier eröffnet sich für Betriebe eine große Chance für ein neues Kerngeschäft als Serviceanbieter.

Die Hoffnung bei BIBB und BTZ Osnabrück ist, dass die Azubis ihr Wissen über Digitalisierung in die einzelnen Betriebe tragen und diese damit „von unten her“ digitalisiert werden. Denn die Studie von Solvie und Kollegen zeigt, dass generell ein großer Nachholbedarf besteht, auch im Bereich Datensicherung und Datenschutz. Kaum ein Betrieb sichert seine Daten „sicher“. Da steht der Back-up- Server direkt neben dem Server oder die Sicherheitskopien werden einfach im Schreibtisch aufbewahrt. Diese Nachlässigkeiten sind auch angesichts der bald in Kraft tretenden neuen Datenschutzgrundverordnung ein drängendes Problem.

Weitere Informationen unter www.digital4kmu.de.

Autor: Dr. Michael Solvie
Geschäftsführer SOLVIE UND KOLLEGEN Unternehmensberatung GmbH
Hamburg


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