Der Fließweg als Schlüssel zur Sanierung

Umfassende Risikoabschätzung für Trinkwasserinstallationen im Bestand

Ältere Trinkwasserinstallationen in Bestandsgebäuden stellen ein potenzielles Hygienerisiko dar, weil beispielsweise Umbauten, Reparaturen oder die geänderte Nutzung zu Stagnation oder hygienekritischen Temperaturen und damit zur verstärkten Bildung von Legionellen führen können. Für die fachgerechte Sanierung ist eine umfassende Bestandsaufnahme der Trinkwasserinstallation mit systemorientierter Risikoabschätzung notwendig. Werden 100 KBE (KBE; kolonienbildende Einheiten) an Legionellen pro 100 ml Wasser festgestellt, handelt es sich um eine ereignisorientierte Risikoabschätzung. Eine wertvolle Hilfe für die Bestandsaufnahme und die Sanierung ist dabei, wie auch in der Empfehlung des Umweltbundesamtes aus Oktober 2025 beschrieben, der Fließweg des Trinkwassers.

Trinkwasserinstallationen in Bestandsgebäuden können ein hohes Hygienerisiko darstellen, wenn sie nicht regelmäßig gewartet und an veränderte Bedarfe angepasst werden.
Bild: Viega

Trinkwasserinstallationen in Bestandsgebäuden können ein hohes Hygienerisiko darstellen, wenn sie nicht regelmäßig gewartet und an veränderte Bedarfe angepasst werden.
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Die Betrachtung einer Trinkwasserinstallation im Bestand hat nicht nur aus hygienischer Sicht einen hohen Nutzen. Gleichzeitig bietet sie eine wertvolle Möglichkeit, die Trinkwasserinstallation auch aus energetischer Sicht zukunftssicher aufzustellen. Das kann z. B. durch eine Verringerung der zirkulierenden Volumina an Trinkwasser warm (PWH) oder der Abstrahlverluste von Warmwasser erreicht werden.

Warum geht von Bestandsanlagen ein höheres Hygienerisiko aus?

Von Trinkwasserinstallationen im Bestand kann aus unterschiedlichsten Gründen ein deutlich höheres Hygienerisiko als von Neuanlagen ausgehen.

Allen Anlagen gemein sind unter anderem die deutlich stärker als heute „auf Vorrat“ ausgelegten Warmwasserspeicher und Rohrleitungen. Seinerzeit stand Versorgungskomfort als Planungsziel an erster Stelle, heute gibt es ein Bewusstsein für die damit verbundenen Risiken für die Trinkwasserhygiene. Diese resultieren beispielsweise aus der Standzeit des Trinkwassers (Stagnation) und der in diesem Zeitraum eintretenden Temperaturveränderung: Trinkwasser warm (PWH) kühlt auf weniger als 55 °C ab, oder Trinkwasser kalt (PWC) erwärmt sich auf mehr als 25 °C. In beiden Fällen steigt das Risiko des Legionellenwachstums; also der Bakterien, die über Aerosole wie beim Duschen eine Legionellose (eine Form der Lungenentzündung) auslösen können. Risikomatrix für eine ereignisorientierte Risikoabschätzung (Quelle: ähnlich DVGW W 1001).
Bild: Viega

Risikomatrix für eine ereignisorientierte Risikoabschätzung (Quelle: ähnlich DVGW W 1001).
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Warum die Trinkwasserinstallation ganzheitlich betrachten?

Für die Risikoabschätzung (früher: Gefährdungsanalyse) ist eine umfassende Bewertung der Trinkwasserinstallation durch einen qualifizierten Sachverständigen notwendig. Den meisten Betreibern einer Trinkwasserinstallation ist in der Praxis bereits geholfen, wenn ein entsprechend qualifizierter Fachhandwerker im Rahmen einer Ortsbegehung die grundlegende Einschätzung vornimmt, ob Hygienerisiken bestehen und welche Maßnahmen zur Beseitigung ergriffen werden müssen. Die Orientierung am Fließweg ist hierbei sowohl formell als auch inhaltlich sinnvoll, weil nur darüber

die Trinkwasserinstallation in ihrer Gesamtheit erfasst wird und gleichzeitig die wesentlichen entscheidenden Hygienerisiken wie:

das Nicht-Einhalten der Temperaturgrenzwerte für PWH und PWC,

ein unzureichender Wasseraustausch,

eine fehlende Durchströmung (Wasserdynamik) sowie

ein zu großes Nährstoffangebot für Legionellen in den Rohrleitungen

festzustellen sind.

Die Auswertung der Risikoabschätzung erfolgt dann gemäß der Risikomatrix (siehe Grafik). Sie setzt den Einfluss des Mangels auf die Trinkwasserqualität in eine direkte Beziehung zum Gefahrenpotenzial des Mangels für die menschliche Gesundheit. Im Zuge einer umfassenden Risikoabschätzung empfiehlt es sich, die Vorhaltung von PWH entsprechend der Gleichzeitigkeiten zu optimieren, um so den Erhalt der Trinkwassergüte zu sichern und durch die Einsparungen gleichzeitig die Energiekosten zu senken.
Bild: Viega

Im Zuge einer umfassenden Risikoabschätzung empfiehlt es sich, die Vorhaltung von PWH entsprechend der Gleichzeitigkeiten zu optimieren, um so den Erhalt der Trinkwassergüte zu sichern und durch die Einsparungen gleichzeitig die Energiekosten zu senken.
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Zentrale Bestandteile des aus der Risikoabschätzung abgeleiteten Sanierungskonzeptes fokussieren dann üblicherweise auf

einer hygienegerechten Temperaturhaltung im Warmwassersystem (hydraulischer Abgleich), bei Großanlagen 60/55 °C in der Zirkulation zwischen Aus- und Wiedereintritt in den Trinkwassererwärmer,

dem Verhindern oder Minimieren von Fremderwärmung des Kaltwassers,

einer bedarfsgerechten Dimensionierung der Rohrleitungen,

der Beseitigung von Totleitungen und nicht betriebenen Bypässen und

der Einhaltung des bestimmungsgemäßen Betriebs.

Wie kann die Bestandsaufnahme gegliedert werden?

Bei der Bestandsaufnahme einer hygienekritischen Trinkwasserinstallation gibt es in der Regel drei Schwerpunkte:

die eingesetzten Rohrwerkstoffen, Installationskomponenten und Bauteile,

die Ausführung der Installation als solche und

der Betrieb der Trinkwasserinstallation.

Bezüglich der Rohrwerkstoffe, Installationskomponenten und Bauteile ist – neben grundsätzlichen Aspekten wie dem generellen Verbot von Bleileitungen oder dem Austausch verzinkter Stahlrohre im PWH-System – der Allgemeinzustand der Installation (z. B. Beschädigungen oder Korrosion) zu bewerten. Auch die Einhaltung der einschlägigen Wartungsvorgaben, speziell zu Filtern und Armaturen, muss geprüft werden. Denn stark verschmutzte Rückspülfilter dürften bei einer Bestandsaufnahme ebenso häufig zu finden sein wie festsitzende Absperrarmaturen, in deren noch nicht totraumfreien Oberteilen Legionellen das optimale Vermehrungsbiotop finden. Beispiel einer hygienisch optimalen Trinkwasserinstallation in einem Mehrfamilienhaus: Warm- und kaltgehende Rohrleitungen verlaufen in getrennten Schächten, es gibt nur kurze Stichleitungen und in der Vorwand wird der Wärmeübergang von PWH auf PWC weitestgehend vermieden.
Bild: Viega

Beispiel einer hygienisch optimalen Trinkwasserinstallation in einem Mehrfamilienhaus: Warm- und kaltgehende Rohrleitungen verlaufen in getrennten Schächten, es gibt nur kurze Stichleitungen und in der Vorwand wird der Wärmeübergang von PWH auf PWC weitestgehend vermieden.
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Bei der Ausführung der Installation liegt das Hauptaugenmerk auf so genannten Totsträngen (an deren Ende es also keinen Nutzer oder Entnahmestellen mehr gibt) sowie auf zu großzügig dimensionierten – damit nicht hinreichend durchströmten – Rohrleitungsabschnitten. Ein weiterer Punkt sind möglicherweise in der Wand oder im Boden unter der Fußbodenheizung (siehe auch CEN/TR 16355) parallel geführte, oft nicht gedämmte Warm- und Kaltwasserleitungen mit entsprechend kontinuierlichem Wärmeübergang von PWH auf PWC. Im Rahmen der Sanierung müssen dann die Totleitungen konsequent abgeklemmt und zurückgebaut werden. Hinreichend durchströmte Rohrleitungen sind zu dämmen; PWH-Installationen in unbeheizten Bereichen – wie in der Kellerverteilung – mindestens mit 100 % der Nennweite (bei einer Wärmeleitfähigkeit von 0,035 W/mK). Für Stichleitungen ohne Zirkulation bestehen keine Dämmanforderungen.

Lassen sich die Rohrleitungen z. B. in Schächten nicht normgerecht dämmen, können Zirkulationsleitungen ggf. durch „Smartloop“-Inlinerinstallationen ersetzt werden. Bei diesem Pressverbindersystem ist die Zirkulationsleitung im Steigestrang geführt. Das schafft Platz im Schacht und reduziert gleichzeitig die Wärmeabstrahlung auf parallel geführte Rohrleitungen für Kaltwasser.

Sind überdimensionierte Rohrleitungen mit unzureichender Durchströmung nicht zu ersetzen oder ist ein kontinuierlicher Wärmeübergang auf PWC nicht zu vermeiden, bieten Spülstationen mit Hygiene-Funktion einen zielführenden Schutz vor hygienekritischen Temperaturen. Am Strangende installiert, lösen diese Spülstationen bei Überschreitung des Temperaturgrenzwertes oder nach definierten Zeiten der Nichtnutzung automatisch aus. Das hygienekritische Wasservolumen wird bedarfsgerecht ausgespült, bevor es zu einer Verkeimung kommen kann. Trotzdem können solche Lösungen immer nur einen temporären Ansatz darstellen, der aus hygienischen wie wirtschaftlichen Gründen keinesfalls eine perspektivisch grundlegende Erneuerung der Trinkwasserinstallation ersetzt.

Was ist mit dem bestimmungsgemäßen Betrieb?

Automatisierte Spüllösungen sind ebenfalls geeignet, den bestimmungsgemäßen Betrieb der Trinkwasserinstallation zu unterstützen. Um das zu bewerten, werden zunächst die entsprechenden Gleichzeitigkeiten der Nutzung unter üblichen Betriebsbedingungen ermittelt und dann auf die vorhandenen Volumina im Rohrleitungsnetz abgebildet. Ist kein regelmäßiger Wasseraustausch alle 72 h (gemäß VDI 6023) sichergestellt, sind Spülpläne notwendig oder Spülstationen mit Hygiene-Funktion zu installieren. Grundsätzlich sollte aber auch hier möglichst zeitnah die Ursache des Problems beseitigt werden.

Die Spülstationen haben den zusätzlichen Vorteil, dass sie Zeitpunkt, Dauer und Ergebnis des Spülvorgangs automatisch dokumentieren. Idealerweise fließen diese Daten in ein (digital geführtes) Betriebsbuch ein, in dem auch sämtliche Wartungen, Temperaturmessungen, Mängelbeseitigungsnachweise oder Beprobungen auf Legionellen festgehalten werden. Das erleichtert bei eventuellen Auffälligkeiten den Nachweis gegenüber dem Gesundheitsamt, dass die Betreiberpflichten eingehalten wurden. Zudem kann der Betreiber relativ schnell einschreiten, wenn ein Problem erkannt wird. Die Unterlagen sind mindestens zehn Jahre aufzubewahren.

Hygieneschulung nach VDI-Richtlinie 6023 Kategorie A

Viega bietet an den Standorten Attendorn und Großheringen Schulungen zum Thema „VDI-MT 6023 Kategorie A – Hygiene in Trinkwasserinstallationen“ an. Diese richten sich an Installateure und Fachplaner und vermitteln die hygienischen, technischen und rechtlichen Grundlagen für Planung, Errichtung, Betrieb und Instandhaltung von Trinkwasserinstallationen.

Zu den Inhalten zählen unter anderem die Anforderungen der VDI-Richtlinie 6023, hygienerelevante und mikrobiologische Grundlagen, Probenahme sowie die relevanten Gesetze, Normen und technischen Regeln. Die Teilnahme schließt mit einem VDI-Zertifikat ab.

Mehr Informationen unter www.viega.de/de/service/Seminare/fachthemen/VDIA.html

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