„Ändert euer Denken …“

Barrierefreiheit universell planen

Barrierefreiheit im Bad ist eine große Herausforderung, aber auch gleichzeitig gesellschaftlicher Zwang. Die Menschen wollen in den eigenen vier Wänden alt werden dürfen. Die Vorstellung, aufgrund von Pflegebedürftigkeit in ein Heim gehen zu müssen, ist für viele Menschen ein Horrorszenario. Notwendig wird es aber dort, wo die Pflege nicht im eigenen Heim erfolgen kann. Doch was sind die Faktoren, die eine Badnutzung auch bei Einschränkungen und Pflegebedürftigkeit noch möglich machen? Bei einem Besuch des Schulungszentrums von Hewi ging SHK Profi-Redakteur Sascha Brakmüller dieser Frage nach.   

Beheimatet in einem historischen Gebäude einer Burganlage befindet sich das Schulungszentrum von Hewi (www.hewi.de), Systemanbieter für die Bereiche Baubeschlag und Sanitär – und nur wenige Kilometer von dem Firmensitz in Bad Arolsen entfernt.

Im Jahre 1306 wurde die Wetterburg im heute gleichnamigen Ort errichtet. Das Schulungszentrum selbst nimmt eine Etage im Gebäude der eigentlichen Vorburg ein. Wie das Baujahr vermuten lässt, fand damals beim Bau Barrierefreiheit keine Anwendung – heute steht es bei den Hewi-Schulungen dagegen hoch im Kurs.

Veränderungen im Fokus

„Barrierefreiheit muss die Basis für alles und jeden sein“, fordert Bernd Steltner, Trainer des Hewi-Schulungszentrums. „Denn Barrierefreiheit ist für alle – Große, Kleine, Dicke, Dünne, Verunfallte, Junge und auch Alte.“ Dabei geht es dem langjährigen Seminar-Referenten nicht darum, dass die Projekte teurer werden, es geht vielmehr darum von Anfang an so zu planen, dass später jeder die Räumlichkeiten bestmöglich nutzen kann. Vorausschauendes Planen muss dabei nicht teurer sein. Seinen Seminarteilnehmern versucht er immer gleich von Anfang an zu vermitteln, dass barrierefrei nicht direkt „Rollstuhl“ bedeutet. „Da geht es oft schon um das erste Vorurteil“, weiß Steltner und stellt sein primäres Ziel vor: „Ändert euer Denken, das ist die Grund-Idee des Seminars.“

Norm trifft auf Praxis

Eines der Hewi-Seminare, die Bernd Steltner als Referent leitet, heißt „Norm trifft auf Praxis“. Dabei ist seine Erfahrung, dass sich viele Handwerker gar nicht mit dem Thema Normen beschäftigen – vor allem diejenigen, die hauptsächlich Privat-Kunden haben. Nur einige, die im öffentlichen Bereich aktiv sind, kennen auch die Normen.

Im Grunde werde das oft den Architekten überlassen, so Steltner. Dabei gäben die Normen wichtige Hinweise, was Mindeststandard, Barrierefreiheit und rollstuhlgerechte Ausstattung betrifft. Es existieren aber klare Unterschiede. So sei die Definition von Barrierefreiheit z.B. sehr aufschlussreich: „Es geht um Auffindbarkeit – also bei sensorischen Einschränkungen –, Zugänglichkeit und Nutzbarkeit. Das muss man sich einfach mal klar machen“, so Steltner.

Grundsätzlich gäbe es zwei Ebenen, führt er weiter aus: „Ich habe einmal den Privat-Bereich, wo ich genau den Menschen vor mir habe, für den ich baue. Da interessieren die Normen nicht, da muss das funktionieren, was für den Menschen wichtig ist. Im öffentlichen Bereich habe ich keine klare Zielgruppe, da muss alles universell nutzbar sein.“

Keine Mehrkosten durch gute Planung

„Wenn ich weiß, wie das mit den Bewegungsräumen im Bereich der Tür und im Bad funktioniert, dann sind das keine Mehrkosten. Daher ist Barrierefreiheit im Neubau eigentlich gar kein Problem“, so Steltner und er ergänzt: „Im Bestand müssen Sie wissen, wie es geht. Da hat man als Handwerker kleine Dimensionen.“
Enge Bäder und schwierige Raumsituationen lässt er dabei nicht grundsätzlich als Argumente gelten. Um maximalen Nutzwert und möglichst geringe Barrieren müsse man sich immer bemühen. „Häufig höre ich von den Seminarteilnehmern, geht doch gar nicht. Aber es ist Unsinn, denn ich thematisiere den Mindeststandard.“ Natürlich sei es nicht möglich Schlauchbäder und andere Problemfälle immer rollstuhlgerecht auszustatten. Aber das sei ja auch in den meisten Fällen gar nicht gefordert. Gerade im Bestand ginge es im akuten Bedarfsfall nur darum, den Bad-Nutzer – und ggf. auch dessen Pflegepersonal – die größte Nutzbarkeit zu ermöglichen.

Moderne Bäder

Aber auch bei Kunden, die einfach nur ein modernes Bad haben wollen, lohne eine durchdachte, vorausschauende Planung nach diesen Gesichtspunkten. Mittlerweile gebe es auch zahlreiche Produkte zur Bad­ausstattung, denen kein Stigma anhaftet und die nicht nach Pflegeeinrichtung aussehen. Der Mehrwert kommt dann allen Nutzern zugute – egal ob jung oder alt.  

„Als Hersteller möchte Hewi die Produkte so gestalten, dass möglichst viele Menschen die Produkte gleichwertig nutzen können. Sie sehen es beispielsweise an unserem Waschtisch, man nutzt intuitiv die Griffmulden – und zwar alle, z.B. auch Kinder“, so Steltner und er bringt es auf den Punkt: „Gestalten für alle ist das Thema, die Demografie verstärkt nur diese Entwicklung und erhöht den Bedarf.“ 

Fazit

Die Demografie zeigt nur auf, wie wichtig das Thema nach universeller Badgestaltung ist. Als Kind beschwert man sich nicht über die eigentliche unpassende Badgestaltung, als Jugendlicher bzw. Erwachsener passt die Badgestaltung in der Regel schon besser – Barrieren werden einfach überwunden. Aber im Alter oder durch Handicaps werden Hindernisse wieder bewusster wahrgenommen. Dabei ist laut Bernd Steltner eine vorausschauende Badausstattung kein Hexenwerk: „Da sind die Wände so vorzubereiten, dass man jederzeit Haltegriffe installieren kann. Man muss ein bisschen auf Bewegungsräume achten – auf die Durchgangbreite was Türen anbelangt und die Zuordnung der Tür zum Bewegungsraum –, das ist es doch schon. Im Grunde genommen ist es total simpel. Im Prinzip muss man nur die Pflege gleich mitdenken, dass ist die Aufgabe des Installateurs.“

Fördermöglichkeiten

Häufig sind Kunden nicht über die Fördermöglichkeiten ausreichend informiert, die ihnen mit Blick auf die Barrierefreiheit mehr finanziellen Spielraum bei der Badmodernisierung ermöglichen. Je nach Bundesland stehen verschiedene Fördermöglichkeiten zur Verfügung. Die KfW unterstützt Bauherren und Modernisierer bei den unterschiedlichsten Projekten. Dazu gehören unter anderem Maßnahmen für das altersgerechte Umbauen.

Auch die Pflegekasse gewährt Zuschüsse. Gefördert werden Pflegebedürftige ab Stufe 1, in besonderen Fällen auch bei Pflegestufe 0, die in ihrem Wohnumfeld verbessernde Maßnahmen für barrierefreies Umbauen durchführen.

Bei allen Modellen muss die Antragsstellung vor Maßnahmenbeginn erfolgen.

Übersicht der Fördermöglichkeiten:

KfW

– Programm 455 | Zuschuss (Topf für 2019 erschöpft)

– Programm 159 | Kredit

Zuschuss der Pflegekasse

– Ab Pflegegrad 1 | Wohnumfeld verbessernde Maßnahmen

Weitere Informationen finden Sie auch unter www.nullbarriere.de .

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