Rückstauschutz in der Praxis
Typische Fehler – und wie sie sich vermeiden lassen
Rund zwei Drittel aller Gebäude in Deutschland sind nach Branchenschätzungen nicht normgerecht gegen Rückstau aus dem Kanal abgesichert. Trotz zunehmender Starkregenereignisse und steigender Schadenssummen fehlt es vielerorts noch immer an ausreichender Sensibilisierung und entsprechendem Fachwissen. Neben klassischen Planungsfehlern wie der Bestimmung der richtigen Rückstauebene zeigen sich in der Praxis auch bei Installation und Wartung immer wieder typische handwerkliche Schwachstellen, die sich jedoch in vielen Fällen vergleichsweise einfach vermeiden lassen.
Oft wird der Rückstauschutz schwer zugänglich eingebaut (Bild links), was Wartungsarbeiten erschwert und die Funktionalität beeinträchtigen kann. Bereits bei der Installationsplanung muss darauf geachtet werden, dass die Anlage immer gut erreichbar ist.
Bild: Marcel Schramm Haus- Gebäudetechnik
Das Thema Rückstauschutz gewinnt weiter an Bedeutung: Häufigere Hochwasser- und Starkregenereignisse rücken den Schutz von Gebäuden zunehmend in den Fokus von Eigentümern, Versicherern und Fachbetrieben. Damit steigt auch der Anspruch an das SHK-Handwerk, sich damit intensiver auseinanderzusetzen. Entsprechende Schulungs- und Weiterbildungsangebote von Herstellern wie beispielsweise Kessel stehen zur Verfügung – der Bedarf an qualifiziertem Fachpersonal bleibt dennoch hoch. Denn der Blick in betroffene Keller und das Feedback aus jahrelangen Praxis-Schulungen, Seminaren und Fachgesprächen zeigen in einer durchaus kritischen Branchen-Selbstreflexion: Das Detailwissen zu technischen Regeln, Vorschriften und Normen ist im Arbeitsalltag des Fachhandwerks nicht immer durchgängig präsent.
Rückstauschutz gehört für viele Betriebe nicht zum täglichen Geschäft, wodurch die notwendige Routine häufig fehlt. Die Folgen sind bekannt: falsch ausgewählte Rückstauschutzlösungen, fehlerhaft ausgeführte Installationen, unzureichende Wartungen und im Ergebnis oftmals erhebliche sowie kostspielige Schäden – auch am Branchenimage.
Hinzu kommt, dass insbesondere im Bestand die Integration von Rückstauschutzlösungen in vorhandene Gebäudestrukturen nicht selten eine Herausforderung mit großem Fehlerpotenzial darstellt. Das Gute ist: Die meisten Fehler lassen sich einfach vermeiden und der Weg zum Rückstauschutz-Profi ist jederzeit möglich. Im Folgenden werden die häufigsten Praxisfehler beim Rückstauschutz aufgezeigt – und wie sie sich vermeiden lassen.
Fehlerklassiker: Einfache Rückstausicherungen mit Pendelklappen sind für fäkalienhaltiges Abwasser nicht geeignet und Hauptverursacher von Verstopfungen.
Bild: Marcel Schramm Haus- Gebäudetechnik
Pendelklappen bei Schwarzwasser
Ein klassischer Fehler in der Praxis ist der Einsatz von Pendelklappen bei fäkalienhaltigem Abwasser. Diese einfachen Rückstausicherungen sind für Schwarzwasser weder geeignet noch zugelassen, da sie zu Verstopfungen führen können – ein Umstand, der auch aus der Praxis der Kanalreinigung bekannt ist und wesentlich zum schlechten Ruf dieser Systeme beigetragen hat.
Dennoch wird beim Einbau immer wieder – auch aus Kostengründen – auf diese vermeintlich einfache Lösung zurückgegriffen, ohne die Auswirkungen auf das Gesamtsystem ausreichend zu berücksichtigen. Ablagerungen an den Klappen führen im Rückstaufall häufig dazu, dass der Rohrquerschnitt nicht vollständig und zuverlässig verschlossen wird.
Eine geeignete sowie normgerechte Alternative sind hier Rückstausicherungen mit motorischem Verschluss, Steuerung und Schaltgerät. Sie gewährleisten im Normalbetrieb einen freien Rohrquerschnitt, da die Klappen erst im Rückstaufall automatisch schließen. Dadurch werden Ablagerungen reduziert und eine zuverlässige Funktion sichergestellt. Eine fachgerechte Beratung und Expertise sind hier entscheidend, um Bauherren die Unterschiede sowie die langfristigen Vorteile geeigneter Systeme aufzuzeigen. Diese sind zwar meist etwas kostspieliger, doch ein Schadenfall ist meist deutlich teurer.
Standardverlängerungen von Kabeln sind nicht für feuchte Bereiche geeignet und können Kurzschlüsse verursachen. Sind keine vorkonfektionierten Kabel in der richtigen Länge verfügbar, sind Verlängerungen mit Gießharz-Muffen die Lösung.
Bild: Marcel Schramm Haus- Gebäudetechnik
Dauerhaft feuchter Einbauort
Rückstausicherungen mit elektrischen Komponenten sind in der Regel nach der Schutzart IP68 zertifiziert. Das heißt aber nur, dass sie für eine gewisse Zeit in einer bestimmten Tiefe – je nach Herstellerangaben – wasserdicht sind. Dauerhaft können sie nicht unter Wasser betrieben werden. Rückstausicherungen sind daher immer in trockenen Bereichen zu installieren und die Stromzuführungen sind wasserdicht auszuführen. In der Praxis wird dies oft vernachlässigt. Installateure müssen alle elektrischen Komponenten ordnungsgemäß abdichten und dauerhaft vor Feuchtigkeit schützen – sonst kann es zu Kurzschlüssen und kostspieligen Folgeschäden durch einen Anlagenausfall kommen.
Der Einbau von Rückstausicherungen in Betonschächte außerhalb des Gebäudes ist hierfür ebenfalls ein gutes Beispiel, denn diese sind selten dauerhaft wasserdicht. Die einzelnen Elemente des Betonschachts werden in der Regel von einem Bagger übereinandergestapelt. Dabei können die vorgesehenen Dichtungen oft nicht gerade eingesetzt werden, so dass bei starkem Regen oder steigendem Grundwasserstand die Rückstausicherung überflutet wird.
Die einfache Lösung: Moderne Kunststoffschachtsysteme wie zum Beispiel das Technik-Schachtsystem aus Polyethylen von Kessel. Sie sind monolithisch hergestellt, besitzen kompatible Anschlussdichtungen und sind mit ihrem deutlich leichteren Gewicht einfach zu installieren. Der bruch- und schlagsichere sowie grundwasserbeständige Kunststoff ist zudem langlebig, dauerhaft dicht und wurzelsicher.
Rückstausicherungen sind in der Regel nach der Schutzart IP68 zertifiziert. Sie können dennoch nicht dauerhaft unter Wasser betrieben werden und sind deshalb immer in trockenen Bereichen zu installieren.
Bild: Marcel Schramm Haus- Gebäudetechnik
Fehlerpotenzial Kabelverlängerung
Ein weiteres Problem ist die unsachgemäße Verlängerung von Kabeln. Für feuchte Bereiche sind Standardverlängerungen nicht geeignet und können zu Undichtigkeiten und Kurzschlüssen führen. Deshalb sollten am besten vorkonfektionierte Kabel in der benötigten Länge bestellt werden, sodass Verlängerungen erst gar nicht notwendig sind. Wenn Verlängerungen – dann mit Gießharz-Muffen, die speziell für feuchte Umgebungen ausgelegt sind.
Rückstauschutz ist schlecht zugänglich
Ein häufiger Fehler ist auch die schlechte Zugänglichkeit der Rückstausicherung nach dem Einbau. Manchmal sind Rückstauschutzsysteme sogar in Vorwänden verfliest oder im Erdreich installiert, wo sie später gar nicht mehr oder nur mit großem Aufwand erreichbar sind. Dies erschwert nicht nur die Wartung, sondern kann im Ernstfall die Funktionalität beeinträchtigen. Deshalb sollten Installateure bereits in der Planungsphase darauf achten, dass alle Komponenten stets gut zugänglich sind. Dazu gehört auch, dass Schachtdeckel von erdverbauten Rückstausicherungen nicht unter Rasen oder Pflastersteinen unsichtbar verschwinden und der Zugang unnötig erschwert wird.
Keine Beruhigung im Zulauf
Ein weiterer Punkt, der in der Praxis häufig unterschätzt wird, ist die fehlende oder unzureichende Beruhigung des Zulaufs. Damit Rückstausicherungen zuverlässig funktionieren können, ist eine gleichmäßige und beruhigte Anströmung des Abwassers erforderlich. Wird beispielsweise aus Platzgründen das Abwasser direkt vor dem Rückstauverschluss durch einen Bogen um 90° abgelenkt, kann dies zu Fehlfunktionen führen. Die Sensorik wird durch das auf die Sonde spritzende Wasser irritiert und der Motor fährt ständig auf und zu. Es ist deshalb darauf zu achten, mindestens einen Meter Beruhigungsstrecke vor dem Rückstauverschluss einzuplanen, um eine störungsfreie Funktion zu gewährleisten.
Die nötige Beruhigung im Zulauf zur Rückstausicherung wird bei der Installation oft nicht berücksichtigt. Mindestens ein Meter Beruhigungsstrecke vor dem Rückstauverschluss ist für eine einwandfreie Funktion einzuplanen.
Bild: Marcel Schramm Haus- Gebäudetechnik
Fehler bei Inbetriebnahme und Wartung
Es ist gesetzliche Vorgabe, die Rückstausicherung ordnungsgemäß in Betrieb zu nehmen und an den Betreiber zu übergeben – was auch protokolliert und per Unterschrift bestätigt werden muss. Dazu zählen auch die Übergabe der Einbau- und Bedienungsanleitung sowie eine ausführliche Erklärung der Funktionsweise, der monatlichen Eigenkontrolle (Inaugenscheinnahme) und der Wartungspflichten. In der Praxis werden diese Schritte jedoch nicht immer mit der erforderlichen Sorgfalt durchgeführt. Die Folge: Die Betreiber kennen ihre Pflichten nicht oder nur unzureichend und können sie folglich nicht wie erforderlich wahrnehmen.
Denn grundsätzlich sind die Eigentümer und Betreiber für die Inspektion und Wartung der Anlagen verantwortlich. Nach DIN EN 13564-1 und DIN EN 1986-3 sollten Rückstauverschlüsse für fäkalienhaltiges Abwasser mindestens zweimal im Jahr durch einen Fachkundigen gewartet werden. Das gleiche Intervall gilt auch für Lösungen bei fäkalienfreiem Abwasser. Diese vier Wartungsschritte sind dabei durchzuführen:
- Reinigung von Schmutz und Ablagerungen,
- Prüfung von Dichtungen und Dichtflächen auf einwandfreien
- Zustand, gegebenenfalls Dichtungen erneuern,
- Kontrolle der Mechanik von beweglichen Komponenten,
- Funktions- und Dichtheitsprüfung der Betriebsverschlüsse nach Herstellerangaben.
Zur Sicherung der Funktionsfähigkeit ist eine regelmäßige, ordnungsgemäße Wartung von Rückstausicherungen unerlässlich. Branchenschätzungen und Erfahrungen aus der Praxis gehen jedoch davon aus, dass in Deutschland nur 10 bis 20 % aller Rückstausicherungen normgerecht gewartet werden. Deshalb müssen die Betreiber auf ihre Wartungspflichten hingewiesen und Handwerker dafür entsprechend sensibilisiert und geschult werden. Bei Rückstausicherungen mit motorischem Verschluss wird die Wartung durch ein Selbstdiagnosesystem (SDS) erleichtert, das wöchentlich die Sensoren, Motoren und Verschlussklappen überprüft.
Rückstauverschlüsse für fäkalienhaltiges Abwasser müssen mindestens zweimal im Jahr durch einen Fachkundigen gewartet werden. Dieses Intervall gilt auch bei Rückstausicherungen für fäkalienfreies Abwasser.
Bild: Marcel Schramm Haus- Gebäudetechnik
Chance für geschulte Fachkräfte
Die häufigsten Fehler beim Rückstauschutz sind bekannt und lassen sich in der Praxis in den meisten Fällen vermeiden. Die Thematik der sicheren Gebäudeentwässerung ist dabei alles andere als überbesetzt und durch die zunehmende Starkregen-Problematik nicht nur jetzt aktuell – sie wird die Hausbesitzer und die Branche auch in Zukunft beschäftigen. Rund drei Viertel aller Häuser in Deutschland sind nicht normgerecht abgesichert, 80 bis 90 % der Rückstauschutzlösungen werden nicht normgerecht gewartet – das bedeutet im Umkehrschluss aber auch: Die Aufträge für das Fachhandwerk liegen wortwörtlich im Keller. Eine Chance für geschulte Fachkräfte, die wissen, wie Rückstauschutz richtig geht.
