Grundlagenwissen: Hydraulischer Abgleich

Lästige Pflicht oder technische Notwendigkeit mit Einsparpotenzial?

In vielen deutschen Heizungsanlagen schlummern ungenutzte Energieeinsparmöglichkeiten: Besonders bei den Veteranen unter den Gebäuden könnte der hydraulische Abgleich sein volles Potenzial entfalten. Davon profitieren Immobilienbesitzer und -bewohner ebenso wie SHK-Profis. Ein korrekt ausgeführter hydraulischer Abgleich schont nicht nur den Geldbeutel der Eigentümer und Mieter. SHK-Betrieben bietet er zugleich die Chance auf effizientere Serviceeinsätze und eine Beratungsleistung auf der Höhe der Zeit.

Die Lösung „Eclipse“ von IMI lässt sich schnell und unkompliziert einstellen.
Bild: IMI

Die Lösung „Eclipse“ von IMI lässt sich schnell und unkompliziert einstellen.
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Arbeitshilfe für SHK-Profis: Mit „EasyPlan“ von IMI können SHK-Fachleute schnell und unkompliziert die für den hydraulischen Abgleich notwendige exakte Heizlastberechnung gemäß Verfahren B durchführen.
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Arbeitshilfe für SHK-Profis: Mit „EasyPlan“ von IMI können SHK-Fachleute schnell und unkompliziert die für den hydraulischen Abgleich notwendige exakte Heizlastberechnung gemäß Verfahren B durchführen.
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Im Kern geht es beim hydraulischen Abgleich darum, Wärme optimal auf alle Heizelemente und Räume einer Wohneinheit zu verteilen. Da Wasser der wesentliche Energieträger in Heizkörpern und Flächenheizsystemen ist, geht es beim hydraulischen Abgleich um die effiziente Verteilung von warmem Wasser. Dazu muss für jedes Heizsystem die Heizlast, die exakt benötigte Wassermenge und Temperaturen berechnet werden. Zentrale Komponenten der Heizsysteme wie Thermostatventile, Heizungspumpen und Differenzdruckregler werden voreingestellt, so dass die Systeme über die erforderliche Wassermenge verfügen – und so die gewünschte Raumtemperatur erzielen.

Das Gute daran: Die für viele Gebäude verpflichtende Maßnahme kann dazu beitragen, die Energieeffizienz um bis zu 15 % zu steigern. Selbst Räume, die weit von der Heizpumpe entfernt sind, kommen schnell auf die gewünschte Temperatur. Der hydraulische Abgleich kann in vielen Fällen sogar helfen, die Energiekosten deutlich zu senken. Studien zufolge liegt das Energieeinsparpotenzial in Deutschland bei durchschnittlich 10 kWh/m2a. Ganz nebenbei hat der hydraulische Abgleich auch einen positiven Effekt hinsichtlich störender Strömungsgeräusche, die sich in vielen Fällen minimieren lassen.

Ohne einen fachgerechten hydraulischen Abgleich geraten Heizsysteme schnell aus der Balance: Heizkörper nahe der Pumpe werden überversorgt, während weiter entfernte zu wenig Wasser erhalten – der Energieträger nimmt stets den Weg des geringsten Widerstands. Auch die Vorlauftemperatur – die „Starttemperatur“ des Heizwassers – erreicht nicht die nötigen Werte und mindert dadurch die Effizienz der gesamten Heizanlage. Zusätzlich kommt es zu schwankenden Differenzdrücken, die die Regelgüte beeinträchtigen. Die Folgen: erhöhter Energieverbrauch, um die Versorgungsdefizite auszugleichen, und eine ungleichmäßige Wärmeverteilung im gesamten System.

Von wegen kompliziert

Der hydraulische Abgleich wird in der Praxis ungeachtet aller Vorteile häufig umgangen, da dieser als aufwendig und kompliziert gilt. Ein Blick auf die Verfahren zeigt, dass der hydraulische Abgleich klar definierte Komponenten umfasst, die zudem ein flexibles Vorgehen ermöglichen. Unterschieden wird bei Zweirohrsystemen zwischen statischem, dynamischem und adaptivem hydraulischen Abgleich; die Vielfalt geht auf technologische Entwicklungen über mehrere Jahrzehnte zurück. Grundsätzlich unterscheiden sich die Verfahren hinsichtlich der eingesetzten Technologien, Funktionen und Einsatzgebiete.

Der statische hydraulische Abgleich gemäß DIN 94679 („Hydraulische Systeme in heiz-, kühl- und raumlufttechnischen Anlagen“) justiert die Wasserdurchflussmenge am Verbraucher manuell über voreinstellbare Ventile. Diese Einstellungen beruhen auf einem vorab ermittelten Sollwert und bleiben während des Betriebs konstant. Der hydraulische Abgleich gewährleistet eine optimale Verteilung des Wassers als Wärmeträger in wasserführenden Heizsystemen. Dadurch lassen sich übermäßige Heizkosten und mangelnder Komfort durch kalte oder überheizte Räume effektiv reduzieren.
Bild: VdZ

Der hydraulische Abgleich gewährleistet eine optimale Verteilung des Wassers als Wärmeträger in wasserführenden Heizsystemen. Dadurch lassen sich übermäßige Heizkosten und mangelnder Komfort durch kalte oder überheizte Räume effektiv reduzieren.
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Im Gegensatz dazu nutzt der dynamische hydraulische Abgleich druckunabhängige Ventile und ermöglicht so eine laufende Reaktion auf die Systembedingungen. Über die Ventile lässt sich die Wassermenge ebenfalls voreinstellen – mit einem wesentlichen Unterschied: Die Ventile haben einen internen Differenzdruckregler, über den sie Druckverluste im Heizungsnetz und schwankende Volumenströme jederzeit ausgleichen können – für eine noch genauere Versorgung des Systems mit Wasser.

Der adaptive Abgleich hingegen setzt auf Algorithmen, die den hydraulischen Abgleich automatisch auf Basis von Messgrößen (z. B. Differenzdruck, Durchfluss, Temperatur) durchführen. Diese Systeme passen sich kontinuierlich und selbstständig an den aktuellen Bedarf an.

Daneben existieren einfache thermische Verfahren. Diese Systeme steuern die Wärmeabgabe in Räumen bedarfsgerecht, indem sie verschiedene Temperaturmessungen nutzen. Üblicherweise ermitteln sie die Vorlauf-, Rücklauf- und Raumtemperatur. Die Funktionsweise unterscheidet sich je nach Hersteller. Bei der Auswahl des Verfahrens sowie der zugehörigen Komponenten müssen die Grundlagen der Anlagenhydraulik sowie die Einsatzgrenzen und Anwendungsbereiche der jeweiligen Lösung genauestens beachtet werden. Derzeit werden Verfahren mit Zertifikaten angeboten, die diese Information nur unzureichend ausweisen. Es gilt also, die technische Dokumentation zu prüfen. Der statische und dynamische hydraulische Abgleich sind jeweils anerkannte Regeln der Technik.

Eine Frage des Verfahrens

Nachweisformulare zur Bestätigung des hydraulischen Abgleichs bieten eine optimale Unterstützung für Fachhandwerker und Sachverständige.
Bild: VdZ

Nachweisformulare zur Bestätigung des hydraulischen Abgleichs bieten eine optimale Unterstützung für Fachhandwerker und Sachverständige.
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So entscheidend, wie die technologische Seite des Abgleichs ist auch die regulatorische. Hydraulische Abgleiche müssen SHK-Installateure nach Verfahren B der ZVSHK-Fachregel „Optimierung von Heizungsanlagen im Bestand“ durchführen. Verfahren B zielt darauf ab, zunächst die Gebäude- und Raumheizlast per Software zu berechnen – anders als das inzwischen obsolete Verfahren A, das bis Ende 2022 in dieser Hinsicht galt, ohne den spezifischen Gegebenheiten von Gebäuden Rechnung zu tragen. Wärmebedarfe wurden lediglich nach dem Gebäudealter und der Raumfläche geschätzt; vorhandene Erfahrungswerte bildeten demnach die (ungenaue) Grundlage. 

„Wer den hydraulischen Abgleich professionell anbietet, positioniert sich als moderner Energieexperte“, sagt Meinolf Rath, Leiter Anwendungstechnik & Trainings bei IMI.
Bild: IMI

„Wer den hydraulischen Abgleich professionell anbietet, positioniert sich als moderner Energieexperte“, sagt Meinolf Rath, Leiter Anwendungstechnik & Trainings bei IMI.
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Verfahren B schafft mit präzisen Heizlastberechnungen, die unter anderem Rohrnetze, Druckverluste und Volumenströme umfassen, die Grundlage für einen korrekten hydraulischen Abgleich. Den Rahmen, um die benötigte Wärmeleistung für jeden einzelnen Raum zu ermitteln, liefert die DIN EN 1283. Fehlen die Raumheizlastwerte nach DIN 12831, lassen sich nicht alle Heizkörper oder Flächenheizungen exakt mit der benötigten Wärmemenge versorgen. Diese Norm bildet damit die unverzichtbare Basis für einen präzisen hydraulischen Abgleich nach Verfahren B, das mitunter über die Förderfähigkeit geplanter Optimierungsmaßnahmen entscheidet. Für Förderanträge ist seit dem 01.01.2023 nur noch das Verfahren B für die BEG-Förderung zulässig.

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz hat darüber hinaus eine Checkliste veröffentlicht, die Auskunft über die Anerkennung gleichwertiger Verfahren gibt. Darin sind u. a. detaillierte Anforderungen an die Zertifizierung und das Verfahren aufgeführt. Grundsätzlich entbinden diese Systeme nicht von der Pflicht zur Ermittlung der Heizlast und Temperaturen, der Einstellung der Anlagenparameter und der Anlagendokumentation.

Was SHK-Profis wissen müssen

IMI Hydronic Engineering Deutschland unterstützt SHK-Handwerker mit praxisorientierten Schulungen im Bereich hydraulischer Abgleich, Raumtemperaturregelung und Anlagentechnik. SHK Profi hat mit Meinolf Rath, Leiter Anwendungstechnik & Trainings bei IMI gesprochen.

Herr Rath, viele SHK-Profis empfinden den hydraulischen Abgleich noch als kompliziert und zeitaufwendig. Welche praxisnahen Tipps oder Tools gibt es, um die Umsetzung im Alltag einfacher und effizienter zu gestalten?

Der hydraulische Abgleich ist weit weniger kompliziert, als oft angenommen wird – vorausgesetzt, man nutzt auch die richtigen Hilfsmittel. Mit Softwarelösungen wie z. B. „EasyPlan“ von IMI lässt sich die Heizlastberechnung zur Ermittlung des Wärmebedarfs eines Gebäudes nach Verfahren B für Bestandsanlagen schnell und transparent erledigen. Die erforderlichen Werte werden eingegeben, die Berechnung erfolgt automatisiert und zeigt direkt auf, welche Heizkörper problematisch sein könnten, weil sie falsch dimensioniert sind – das spart Zeit, um schneller beraten zu können und schafft zudem Rechtssicherheit. Auch die Dokumentation für Fördergelder wird damit schnell erzeugt. Für die einfache Umsetzung des hydraulischen Abgleichs im Feld sorgen druckunabhängige Thermostat-Ventile wie „Eclipse“, die den Durchfluss automatisch regeln und Differenzdruckschwankungen selbstständig ausgleichen. Dadurch sind größere Eingriffe in den meisten Heizungssystemen nicht erforderlich. Dazu kommen praxisnahe Schulungen oder das „HyForum“ von IMI, über das SHK-Profis sich zudem direkt Unterstützung holen können.

Zwischen statischem, dynamischem und adaptivem Abgleich herrscht oft Verunsicherung. Wie unterscheiden sich diese Verfahren konkret in Aufwand, Nutzen und Anwendungsfällen – und wie können SHK-Profis die passende Methode für ihr Projekt auswählen?

Beim statischen hydraulischen Abgleich wird die Wasserdurchflussmenge am Verbraucher manuell über druckabhängige, voreinstellbare Ventile anhand vorab berechneter Sollwerte justiert. Hier ist nur ein geringer technischer Aufwand nötig, eine automatische Anpassung erfolgt jedoch nicht. Daher eignet er sich vor allem bei kleineren Anlagen. Im Gegensatz dazu gleichen beim dynamischen hydraulischen Abgleich druckunabhängige Ventile Schwankungen im Netz automatisch aus und sorgen jederzeit für den richtigen Durchfluss – die praxisgerechte Lösung für größere Bestands- und Neubauten. Der adaptive hydraulische Abgleich nutzt Sensoren und Algorithmen, die den Abgleich kontinuierlich selbstständig optimieren. Diese Lösung ist sehr komfortabel, jedoch nicht für jedes Projekt geeignet und eher als zusätzliche Optimierung zu sehen. Die Wahl hängt ab von Gebäudegröße, Anlagenkomplexität und Kunden-wünschen. Grundsätzlich gilt: Statisch und dynamisch sind anerkannte Regeln der Technik und rechtssicher.

Wann schreibt das GEG den hydraulischen Abgleich verbindlich vor und welche Chancen ergeben sich dadurch für SHK-Betriebe, etwa in Bezug auf neue Geschäftsmodelle, Serviceangebote oder Kundenbindung?

Das Gebäudeenergiegesetz (GEG) vom 1.1.2024 regelt eindeutig: Seit dem 1.10.2024 müssen neue Heizungssysteme (bzw. bei Austausch des Wärmeerzeugers) unabhängig vom Energieträger in Gebäuden mit mindestens sechs Wohneinheiten hy-draulisch abgeglichen werden (§ 60c GEG). Für Immobilieneigentümer ist die Einhaltung dieser Vorschrift relevant, da Verstöße mit Bußgeldern von bis zu 5.000 € geahndet werden können (§ 108 GEG).

Auch Bestandsanlagen in Gebäuden mit mindestens sechs Wohneinheiten kommen nicht um den hydraulischen Abgleich herum: Sie unterliegen seit 1.10.2024 zumindest einer Prüfpflicht auf Optimierungsbedarf (§ 60b GEG). Das heißt, die Eigentümer müssen prüfen, ob ein Abgleich erforderlich sein könnte – und bei Bedarf entsprechend handeln.

Für SHK-Fachbetriebe bedeutet das eine klare fachliche Verantwortung: Sie müssen den hydraulischen Abgleich als verbindlichen Teil ihrer Leistung anbieten und umsetzen. Für SHK-Unternehmen eröffnet das zugleich große Chancen: Der Abgleich ist kein „lästiges Pflichtprogramm“, sondern bietet neue Servicefelder – von der Heizungsoptimierung über Fördermittelberatung bis zur langfristigen Kundenbindung durch Energie- und Kosteneinsparungen. Wer den hydraulischen Abgleich professionell anbietet, positioniert sich als moderner Energieexperte.

Die Energiewende verändert die Anforderungen an Heizsysteme rasant. Welche Rolle wird der hydraulische Abgleich in Kombination mit Wärmepumpen, Smart-Home-Lösungen und zukünftigen Regelungstechnologien spielen?

Der hydraulische Abgleich ist ein wichtiger Baustein der Energiewende. Wärmepumpen etwa arbeiten nur effizient, wenn die Verteilung des Wassers im Heizsystem optimal geregelt ist. Auch Smart-Home-Systeme, die Raumtemperaturen flexibel regeln, können ihre Stärken nur ausspielen, wenn der Heizkreislauf hydraulisch abgeglichen ist. Künftig werden zunehmend adaptive Abgleichverfahren und digitale Tools integriert, sodass sich Anlagen selbst optimieren und Daten für Wartung und Effizienzanalysen liefern. Für SHK-Profis heißt das: Der Abgleich wird nicht verschwinden, sondern noch wichtiger – als Bindeglied zwischen klassischer Heiztechnik, erneuerbaren Energien und digitaler Regelung.


Das Interview führte Manja Dietz / Redaktion SHK Profi
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