Grundlagenwissen Radon

Gesundheitsgefahr im Gebäude: Was SHK-Profis beachten sollten

Radon ist unsichtbar, geruchlos und dennoch die zweithäufigste Ursache für Lungenkrebs nach dem Rauchen. Im SHK-Profi-Interview erläutert Radon-Experte Frank Kiemer, wie Radon in Gebäude gelangt, welche Risiken bestehen und welche Rolle die kontrollierte Wohnraumlüftung beim Schutz spielen kann. Zudem erklärt er, worauf Fachhandwerker bei Planung, Installation und Druckverhältnissen achten sollten, um Radonbelastungen wirksam zu reduzieren.

Herr Kiemer, Radon gilt als unsichtbare Gefahr. Welche ty-pischen Anzeichen oder Situationen können in der Praxis auf eine mögliche erhöhte Radonbelastung hindeuten? Wie wird das gemessen?

Typische Anzeichen gibt es nicht, da Radon farb-, geruch- und geschmacklos ist. Radon selbst macht auch nicht krank – es sind seine radioaktiven Zerfallsprodukte, die sich in der Lunge ablagern und langfristig Lungenkrebs auslösen können. Es gibt typische bauliche Gegebenheiten, die auf ein erhöhtes Risiko hinweisen: Z. B. ältere Gebäude mit erdberührenden Kellern, undichten Bodenplatten oder ohne Feuchtigkeitssperre sind gerne belastet – besonders im süd- und ostdeutschen Raum. Eine grobe regionale Einschätzung erlaubt die interaktive Radonkarte des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS).

Für aussagekräftige Radonwerte ist eine Messung mit Kernspurdetektoren über drei bis zwölf Monate notwendig, die dann von einem akkreditierten Labor ausgewertet werden müssen. Als Faustregel lässt sich aber sagen: Je tiefer der genutzte Raum (Keller, Erdgeschoss), je weniger gelüftet wird und je älter das Gebäude, desto dringlicher ist eine Messung.

Wie gelangt Radon in Gebäude und warum können selbst vermeintlich „unauffällige“ Gebäude betroffen sein?

Radon entsteht beim radioaktiven Zerfall von Uran und Radium, die natürlicherweise in nahezu allen Böden und Gesteinen vorkommen – mal mehr, mal weniger. Das Gas steigt aus dem Erdreich auf und folgt dann dem Weg des geringsten Widerstands ins Gebäudeinnere. Der häufigste Eintragsweg ist die Bodenplatte: Schon Haarrisse, Mauer- oder Arbeitsfugen reichen aus, weil Radon als Edelgas atomar und sehr klein ist. Ebenso kritisch sind Mediendurchführungen – Stromkabel, Heizungs-, Wasser- und Abwasserleitungen,  die im Altbau oft unzureichend abgedichtet sind. Hohlräume wie Doppelaußenwände bilden eine direkte Verbindung zwischen Erdreich und Gebäudeinnerem. Poröse Kellerwände aus altem Beton oder Naturstein können Radon wie ein Schwamm durchlassen. Und selbst Kellerdecken sind keine sichere Barriere: Über Undichtigkeiten, Schächte oder durch Diffusion kann das Gas in die Wohnräume darüber gelangen.

Der unterschätzteste Faktor ist jedoch der Druckunterschied. Jedes Haus „atmet“ – im Winter ist es innen wärmer als außen, im unteren Gebäudebereich entsteht ein leichter Unterdruck. Das Haus saugt Radon regelrecht aus dem Boden. Abluftanlagen und Kamine verstärken diesen Effekt erheblich.

Zudem kann eine energetische Sanierung als Verstärker wirken: Ein luftdichtes Haus ohne kontrollierte Lüftung wird zur Radonfalle, weil das Gas weiter eindringt, aber nicht mehr durch natürliche Leckagen verdünnt wird. Auch Neubauten sind nicht automatisch geschützt – entscheidend ist, ob bewusst auf radonrobuste Konstruktion und kontrollierte Lüftung geachtet wurde.

 

Ab welcher Radonkonzentration besteht konkreter Handlungsbedarf?

In Deutschland gilt nach dem Strahlenschutzgesetz ein Re-
ferenzwert von 300 Becquerel pro Kubikmeter (Bq/m³) als Jahresmittelwert für Aufenthaltsräume und Arbeitsplätze. Das ist aber kein klassischer Grenzwert, denn eine Schwelle, unterhalb derer das Risiko null wäre, gibt es nicht. Die WHO empfiehlt daher einen noch niedrigeren Zielwert von 100 Bq/m³.

Auch Meltem rät, bereits ab Werten über 100 Bq/m³ über Lüftungsverbesserungen nachzudenken. Bis etwa 500 Bq/m³ lässt sich die Radonbelastung mit kontrollierter Wohnraumlüftung wirksam reduzieren; bei höheren Werten oder rasch ansteigenden Messungen empfiehlt sich eine professionelle Radonsanierung mit Unterbodenabsaugung – idealerweise in Kooperation mit spezialisierten Fachbetrieben wie der Istana GmbH bzw. dem Ingenieurbüro RadonPlan.

 

Wie sollten SHK-Fachhandwerker vorgehen, wenn bei einem Projekt der Verdacht auf erhöhte Radonwerte besteht?

Für SHK-Profis gehört Radon zunehmend zur professionellen Sorgfaltspflicht – vor allem bei Lüftungs-, Dämm- und Sanierungsprojekten. Wer ein Gebäude luftdichter macht, ohne gleichzeitig für kontrollierte Lüftung zu sorgen, kann ein Radonproblem erst schaffen oder verschärfen. Bei Verdacht ist daher zuerst eine Messung über mindestens drei Monate zu empfehlen.

Wer eine Radonsituation erkennt oder vermutet, sollte den Kunden aktiv ansprechen – das schafft Vertrauen und positioniert den Betrieb als kompetenten Partner. Eine gute Erstberatung umfasst drei Punkte: erstens die Einschätzung des Risikos anhand von Gebäudeart, Alter und Region; zweitens die Empfehlung einer Messung mit Kernspurdetektor über mindestens drei Monate und drittens, falls Handlungsbedarf besteht, ein maßgeschneidertes Lüftungskonzept, das Radonschutz und Energie-
effizienz verbindet.

 

Welche baulichen und technischen Maßnahmen stehen grundsätzlich zur Verfügung, um Radon in Gebäuden zu reduzieren?

Grundsätzlich stehen drei Hauptmethoden zur Verfügung: die bauliche Abdichtung, die Lüftung und die Unterbodenabsaugung. In der Praxis werden sie abhängig vom Belastungsniveau kombiniert.

Die bauliche Abdichtung ist im Bestand schwierig: Großflächige
Lösungen wie Radonfolien oder Harzbeschichtungen erreichen nachträglich kaum eine vollständige Dichtigkeit und sind kritisch zu bewerten. Sinnvoll bleibt sie für kleinere Öffnungen, Fugen und Durchführungen – als „kosmetische Abdichtung“ mit mineralischen Dichtungsmaterialien.

Bei moderaten bis mittleren Belastungen ist die Lüftung die zuverlässigste Lösung. Eine reine Abluftanlage führt Radon zwar ab, erzeugt aber Unterdruck im Gebäude – und saugt das Radon dadurch wieder aktiv aus dem Boden. Die Fensterlüftung wirkt nur, solange gelüftet wird. Daher ist die kontrollierte Wohnraumlüftung (KWL) mit Wärmerückgewinnung hier überlegen: Sie tauscht die Raumluft kontinuierlich aus, mit geringen Wärmeverlusten und ohne Druckungleichgewichte. Bei entsprechender Einstellung erzeugt sie stattdessen einen leichten Überdruck, der das Einströmen von Radon zusätzlich erschwert. Bis etwa 500 Bq/m³ ist die KWL wirksam einsetzbar.

Bei Werten oberhalb von 450 bis 500 Bq/m³ oder schnell ansteigenden Messwerten ist die Unterbodenabsaugung die effektivste Methode: Das Radongas wird unterhalb der Bodenplatte abgesaugt, bevor es überhaupt ins Gebäude eindringen kann. Diese Lösung setzen wir gemeinsam mit spezialisierten Partnern wie beispielsweise der bereits genannten Istana GmbH und dem Ingenieurbüro RadonPlan um.

Empfohlen ist eine an die Belastung angepasste Kombination –
sorgfältige Abdichtung aller erdberührenden Bauteile, KWL als kontinuierlicher Grundschutz und Unterbodenabsaugung in stark belasteten Objekten. So entsteht ein robuster, langfristiger Schutz.

 

Welche Gesetze, Normen und Vorschriften müssen dabei
beachtet werden?

Für die Wohnraumlüftung gilt DIN 1946-6 als zentrale Planungsnorm, ergänzt durch DIN 18017-3 für innenliegende Bäder und WCs. Auf europäischer Ebene wurde DIN EN 15251 inzwischen durch DIN EN 16798-1 abgelöst (Auslegung nach Raumluftqualitätskategorien). Wer eine KWL mit dem Ziel Radonschutz plant, muss die nötigen Luftwechselraten entsprechend nachweisen. Maßgeblich ist zudem das Strahlenschutzgesetz mit seinem Referenzwert von 300 Bq/m³. Für die Radonsanierung selbst entwickelt die neu gegründete RAL-Gütegemeinschaft RaPSS
e. V. verbindliche Qualitätsstandards und zertifiziert Fachbetriebe
aus den Bereichen Lüftung, Abdichtung und Sanierung.

 

Meltem bietet mit den „M-WRG-S“-Geräten eine spezielle
Lösung für den Radonschutz an. Wie funktioniert dieses
Prinzip technisch?

Das „M-WRG-S“ verfügt über einen Kreuzstrom-Plattenwärmeübertrager mit zwei separaten Luftkanälen: Einer führt Frischluft zu, der andere gleichzeitig Abluft ab. Im Betriebsmodus „Radonschutz“ wird ein geringer Zuluftüberschuss erzeugt. Der daraus resultierende leichte Luftüberdruck erschwert das Einströmen des Edelgases, gleichzeitig wird die radonbelastete Luft kontinuierlich gegen Frischluft ausgetauscht. Die Radonkonzentration sinkt somit stetig, während weniger nachströmt.

 

Für welche Gebäude und Einsatzbereiche ist diese Lösung
besonders geeignet – und was sollten Fachhandwerker bei Planung und Installation beachten?

Die Lösung mit dem „M-WRG-S“ deckt eine sehr breite Gruppe
von Anwendungsfällen ab und eignet sich sowohl für Bestandsgebäude als auch für den Neubau. Sie ist handwerklich einfach realisierbar und auch für bewohnte Objekte ideal. Wer in einem Einfamilienhaus aus den 1970ern nachträglich Radonschutz in-
stallieren möchte, hat mit dezentralen Wandgeräten eine schlanke Option: Der Wanddurchbruch ist zügig erledigt, die Bewohner können die Wohnung weiter nutzen, und nach der Inbetriebnahme entsteht sofort eine kontinuierlich wirkende Schutzfunktion. Bei der Planung ist besonders die Luftbilanz zu beachten. Wenn im Gebäude insgesamt mehr Abluft als Zuluft erzeugt wird, entsteht trotz „M-WRG-S“ ein Gesamt-Unterdruck – etwa, wenn Küche und Bad bereits Abluftanlagen haben und die „M-WRG-S“-
Geräte ausschließlich im Keller eingebaut werden. Die Bilanz muss insgesamt stimmen – nicht raumweise, sondern gebäudeweit. Außerdem ist die Einweisung der Bewohner wichtig: Das Gerät muss im Dauerbetrieb laufen, nicht nur bei Anwesenheit oder nur im Sommer. Viele Nutzer schalten es ab, um Strom zu sparen, weil sie nicht wissen, was das Gerät eigentlich leistet. Die Nutzerkommunikation ist ein wichtiger Teil der Handwerksleistung.

 

Welche Auswirkungen hat Radon auf die Auslegung von Lüftungskonzepten, insbesondere im Vergleich zu klassischen Anforderungen wie Feuchte- oder Schimmelschutz?

Die Anforderungen an ein Lüftungskonzept sind teils gegenläufig zu den klassischen Anforderungen. Feuchte und CO2 entstehen innerhalb des Gebäudes – durch die Bewohner, durch Kochen, Duschen, Atmen. Die Lüftungsplanung nach DIN 1946-6 ist darauf ausgelegt, diese intern erzeugten Lasten nach außen abzuführen. Das Konzept funktioniert bewohner- und ereignisbezogen: Ist niemand zuhause, sinkt der Bedarf.

Bei Radon ist es umgekehrt. Die Quelle liegt außen im Erdreich  und ist unabhängig davon, ob das Gebäude bewohnt ist, ob Fenster geöffnet werden oder die Heizung läuft. Auch der Druckhaushalt unterscheidet sich. Für Feuchte- und Schimmelschutz ist ein leichter Unterdruck in vielen Konzepten tolerierbar oder sogar erwünscht, um Feuchteeintrag in die Konstruktion zu vermeiden. Für Radonschutz dagegen ist Unterdruck zu vermeiden –
er beschleunigt den Einstrom aus dem Boden. Ein Abluftsystem, das den Schimmelschutz sichert, kann das Radonproblem aktiv verschärfen. Wer dagegen ein Lüftungskonzept auf Radonschutz auslegt – Simultanbetrieb, ausgeglichene Bilanz, 24/7-Grundlüftung – erhält Feuchte- und Schimmelschutz als kostenfreien Zusatznutzen.

 

Beim Einsatz von Lüftungsgeräten mit Radonschutzfunktion: Welche Anforderungen gibt es an die Luftführung und Druckverhältnisse im Gebäude?

Ein Gebäude hat typischerweise mehrere gleichzeitig aktive Luftpfade: ein Lüftungsgerät im Schlafzimmer, den Dunstabzug in der Küche, den Abluftventilator im Bad, vielleicht einen Kamin-
ofen. Jede dieser Quellen beeinflusst den Gesamtdruckhaushalt – Radonschutz muss deshalb gebäudeweit gedacht werden, nicht raumweise.

Die zentrale Anforderung ist eine ausgeglichene oder leicht positive Luftbilanz im gesamten Gebäude: Die Summe aller zugeführten Luftmengen muss mindestens so groß sein wie die Summe aller abgeführten – besser etwas größer. Nur so entsteht der für den Radonschutz nötige, leichte Überdruck.

Kritisch sind daher unkompensierte Abluftgeräte, wie Abluftventilatoren in Küche oder Bad ohne gleichwertige Zuluftzufuhr. Sie erzeugen einen lokalen Unterdruck, der sich gebäudeweit auswirkt. Ein „M-WRG-S“ im Keller kann das Radonproblem nicht lösen, wenn parallel ein größerer Abluftventilator in der Küche dauerhaft läuft – das Gerät arbeitet korrekt, aber die Gesamtbilanz bleibt negativ.

Zusätzlich müssen Überströmöffnungen zwischen den Räumen eingeplant werden, damit Frischluft aus den versorgten in die nicht versorgten Räume fließen kann. Ohne solche Überströmventile oder ausreichende Türspalten entstehen in den angrenzenden Räumen Unterdrücke, die Radon anziehen können.

Worauf müssen Fachhandwerker beim Einbau achten, damit der gewünschte Überdruck und damit der Radonschutz zuverlässig funktioniert?

Auch hier gilt: der wichtigste Punkt ist die Luftbilanz – gebäudeweit, nicht raumweise. Vor der Installation sollten alle vorhandenen Abluftquellen erfasst werden: Dunstabzug, Bad-Lüfter,
Kaminofen, WC-Lüfter. Der Gesamtvolumenstrom muss bekannt sein, bevor die Anzahl und die Position der „M-WRG-S“-Geräte festgelegt werden – die Zuluftmenge muss die Abluft kompensieren und übersteigen.

Zweitens die Positionierung: Für den Radonschutz empfiehlt sich der Einbau in erdnahen Räumen, also Keller oder Erdgeschoss, weil dort das Gas einströmt. Ein Gerät im Dachgeschoss allein hilft wenig, wenn die Eintragsquelle im Keller liegt.

Drittens die Überströmwege: Frischluft muss aus den versorgten Räumen in die angrenzenden gelangen können. Türspalten von mindestens einem Zentimeter oder dedizierte Überströmventile sind hier die Lösung; sonst entsteht in den nicht versorgten Räumen ein relativer Unterdruck, der Radon aktiv anzieht.

Viertens – und oft unterschätzt – ist die Einweisung der Bewohner: Das Gerät muss dauerhaft im Radonschutz-Modus laufen, auch nachts und in Abwesenheit. Wird das nicht klar kommuniziert, schalten Nutzer das Gerät irgendwann ab – und der Schutz entfällt, ohne dass es jemandem auffällt.

 

Wie verhält sich das System im Winterbetrieb oder bei sehr niedrigen Außentemperaturen – insbesondere im Hinblick auf Frostschutz und Druckbalance?

Die Frostschutzregelung wird für den Winterbetrieb so angepasst, dass im Frostfall kein Abluftüberschuss entsteht. Bei extrem niedrigen Außentemperaturen empfehlen wir, eine balancierte Betriebsart einzustellen. Dadurch wird der Frostschutzmechanismus verzögert aktiviert. Durch den Erhalt der Druckbalance bleibt der Radoneintrag dann auch im Winter
minimiert.

Das Interview führte Manja Dietz / Redaktion SHK Profi
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